Sofja Vasilyevna Kovalevskaya Sofja Vasilyevna Kovalevskaya
 
geb.: 15.01.1850 in Moskau/Rußland
gest.: 10.02.1891 in Stockholm/Schweden
 
Privates Ausbildung und Beruf Mathematische Leistungen Bücher und Artikel
 
Privates - Ausbildung und Beruf - Mathematische Leistungen
Sofia war das mittlere Kind des Artilleriegenerals Vasily Korvin-Krukovsky und ihrer Mutter Velizaveta Shubert - beide Mitglieder des russischen Adels. Sie wurde von Privatlehrern und Gouvernanten erzogen; zuerst auf dem Landsitz der Krukovskys in Palabino und später in St. Petersburg, wo sie sich dem sozialen Umfeld der Familie anschloss, dem zum Beispiel auch Dostojewsky angehörte.
Zur Mathematik kam sie schon sehr früh. Ihr Onkel Pjotr Vasilievich Krukovsky hatte großen Respekt vor Mathematik. Und die Art und Weise wie er darüber redete, weckte in Sofia die Neugier auf eine Welt, die einem Wunderland gleich zu kommen schien.
Als Sofia 11 Jahre alt war hingen ihre Wände schon voller Notizen von Ostrogradskis Ausführungen zur Integral- und Differentialrechnung. Sie erinnerte sich, dass ihr Onkel einige dieser Dinge auf den Zetteln schon erwähnt hatte. Das Studieren dieser Aufzeichnungen wurde ihr Einstieg in die Mathematik.
Die ersten richtigen Mathematikstunden gab ihr der Privatlehrer Malevich. Unter seiner Anleitung wurde ihr Interesse für die Mathematik so stark geweckt, dass sie sogar begann, andere Fächer dafür zu vernachlässigen. Das führte soweit, dass ihr Vater ihr die intensive Beschäftigung mit ihrem geliebten Fach untersagte. Sofia borgte sich jedoch eine Kopie der Bourdeau'schen Algebra aus und studierte sie nachts, wenn die anderen schliefen.
Ein Jahr später präsentierte Professor Tyrtov der Familie ein Physikbuch, das er selbst geschrieben hatte. Sofia versuchte, es zu lesen, verstand aber die trigonometrischen Formeln nicht und versuchte sie sich selbst herzuleiten. Tyrtov beobachtete dies und schlug ihrem Vater vor, Sofia Mathematik studieren zu lassen. Aber es dauerte noch einige Jahre bis er ihr erlaubte Privatstunden zu nehmen.
Sofia war gezwungen zu heiraten, um die Möglichkeit zu haben, im Ausland zu studieren. Ihr Vater hätte ihr nicht erlaubt, das Haus zu verlassen und an einer Universität zu studieren. Frauen in Russland durften nur getrennt von ihrer Familie studieren, wenn sie eine schriftliche Genehmigung des Vaters oder des Ehemanns vorlegen konnten.
So heiratete sie im Alter von 18 Jahren den jungen Paläontologen Vladimir Kovalevski. Aber leider wurden die nächsten 15 Ehejahre für Sofia eine Zeit voller Probleme, Sorgen, Verzweiflung und Spannungen, was durch die ständigen Querelen und Missverständnisse mit ihrem Mann dazu führte, dass sie sich auch nicht mehr richtig konzentrieren konnte.
1869 reiste Sofia Kovalevskaya nach Heidelberg, um Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Dort musste sie allerdings erfahren, dass es Frauen nicht erlaubt war, sich dort zu immatrikulieren. Doch sie schaffte es, die Universitätsleitung zu überrreden, sie inoffiziell am Unterricht teilnehmen zu lassen. Auf diese Weise studierte sie erfolgreich für drei Semester. Aber selbst Professoren wie Königsberger oder Kirchhoff waren schnell von ihren mathematischen Fähigkeiten beeindruckt.
1871 zog sie dann nach Berlin, um bei Weierstrass, dem ehemaligen Lehrer Königsbergers zu studieren. Aber trotz der Bemühungen durch Weierstrass und seiner Kollegen wurde Kovalevskaya auch hier das Studium vom Senat untersagt. Ironischerweise führte das dazu, dass sie Privatstunden von Weierstrass erhielt.
Im Frühjahr 1874 vervollständigte Kovalevskaya drei Artikel. Weierstrass kommentierte, dass jeder davon den Wert einer Doktorarbeit hätte. Die drei Artikel handelten von partiellen Differentialgleichungen, Abelian'schen Integralen und Saturnringen. Der erste dieser drei Artikel ist besonders bemerkenswert, er wurde sogar 1875 im Crelle's Journal veröffentlicht. Der Artikel zur Reduktion Abelianscher Integrale auf elliptische Integrale war weniger wichtig, zeigte aber, wie vollständig sie die Theorie Weierstrass' verstanden hatte.
1874 wurde ihr von der Universität Göttingen der Doktortitel mit summa cum laude zugesprochen. Trotz dieses Titels und der eindringlichen Empfehlung von Weierstrass wurde Kovalevskaya weiterhin eine akademische Position verwehrt. Dafür gab es verschiedene Gründe, aber auch hier spielte ihr Geschlecht wieder die Hauptrolle. Diese Zurückweisung traf sie so hart, dass sie sechs Jahre lang weder irgendwelche weiteren Forschungen unternahm noch auf Weierstrass' Briefe reagierte. Sie war verbittert, dass die beste Arbeit, die ihr angeboten wurde, das Unterrichten von Schulmädchen in den Grundregeln der Arithmetik war.
1878 brachte sie eine Tochter zur Welt und ab 1880 nahm sie langsam das Studium der Mathematik wieder auf. 1882 begann sie, sich mit der Brechung des Lichts zu beschäftigen und schrieb drei Artikel zu diesem Thema. 1916 entdeckte Volterra, dass Kovalevskaya den gleichen Fehler gemacht hatte wie seinerzeit Lamé, auf dessen Arbeit diese Artikel basierten, obwohl sie wiederum andere kleinere Fehler ausgemerzt hatte. Unabhängig davon war der erste dieser drei Artikel besonders wertvoll, weil sie eine schriftliche Darstellung zur Integration bestimmter partieller Differentialgleichungen nach Weierstrass enthielt.
Im Frühjahr 1883 beging der Ehemann Sofias, von dem sie sich zwei Jahre vorher getrennt hatte, Selbstmord. Nach dem ersten Schock vertiefte sich Sofia Kovalevskaya immer mehr in die mathematische Arbeit, um sich von Schuldgefühlen abzulenken und zu befreien. Mittag-Leffler setzte sich in Stockholm dafür ein, die Haltung zu Kovalevskayas beruflichler Position noch einmal zu überdenken und erhielt für sie eine Stelle als Privatdozentin. Sie begann dort 1884 zu unterrichten und wurde im Juni des gleichen Jahres für fünf Jahre als außerordentliche Professorin angestellt. Im Jahr 1889 war sie die erste Frau seit der Physikerin Laura Bassi und Maria Gaetna Agnesi, die einen Stuhl an einer europäischen Universität erhielt.
Während ihrem Jahr in Stockholm beschäftigte sie sich mit dem, was ihre wichtigsten Forschungen werden sollten. Sie gab Kurse zum letzten Stand der Analysis und wurde Verfasserin von Artikeln in dem neuen Journal Acta Mathematica. Zusätzlich zu den ihr übertragenen Aufgaben hielt sie Kontakt zu Mathematikern aus Paris und Berlin nahm an internationalen Konferenzen teil. Ihr Status brachte ihr Anerkennung im sozialen Umfeld unhd sie begann, wieder Remineszenzen und Dramen zu schreiben, was sie schon als Kind gerne getan hatte.
1886 wurde der "Prix Bordin" der Französischen Akademie der Wissenschaften ausgerufen. Es wurden wichtige Arbeiten zur Erforschung von Festörpern bewertet. Kovalevskaya erhielt diesen Preis 1886 zum Thema "Mémoire sur un cas particulier du problème de la rotation d'un corps pesant autour d'un point fixe, ou L'intégration s'effectue à l'aide de fonctions ultraelliptiques du temps". In Anerkennung der Brillianz dieser Arbeit, wurde das Preisgeld von 3000 auf 5000 Francs erhöht.
Zu ihren weiteren Forschungen zu diesem Thema erhielt Kovalevskaya 1889 von der Schwedischen Akademie der Wissenschaften einen Preis und auf die Initiative von Chebyshev hin, wurde sie zu einem korrespondierenden Mitglied der Imperial Academy of Science gewählt. Und obwohl die Zaristische Regierung ihr wiederholt einen Universitätsstuhl im eigenen Land verweigert hatte, wurden die Regeln in der Imperial Academy geändert, sodass auch eine Frau gewählt werden durfte.
Kovalevskayas letzte veröffentlichte Arbeit war ein kurzer Artikel über ein Theorem M. Bruns, indem sie einen neueren simpleren Beweis für Bruns Theorem zu Eigenschaften von Potentialfunktionen homogener Körper erbrachte. Im Frühjahr 1891 auf der Höhe ihres wissenschaftlichen Schaffens verstarb Sofia Kovalevskaya an einer Lungenentzündung, die sie sich in Folge einer schweren Grippe zugezogen hatte.
Bücher und Artikel
  • Dictionary of Scientific Biography
    Biographie, New York 1970 - 1990
     
  • Encyclopaedia Britannica
    Biographie

  • C. Tollmien
    Fürstin der Wissenschaft : Die Lebensgeschichte der Sofja Kowalewskaja , Weinheim & Basel: Beltz 1995
     
  • R. Bölling
    Briefwechsel zwischen Karl Weierstrass und Sofja Kovalevskaya, Berlin 1993
     
  • R. Cooke
    The mathematics of Sonya Kovalevskaya, New York 1984
     
  • D. H. Kennedy
    Little sparrow: a portrait of Sonya Kovalevskaya, London 1983
     
  • A. H. Koblitz
    A convergence of Lives. Sofia Kovalevskaia: Scientist, Writer, Revolutionary, Boston 1983
     
  • A. H. Koblitz
    A convergence of Lives. Sofia Kovalevskaia: Scientist, Writer, Revolutionary, New Brunswick N.J., 1993, Neuauflage des Buches von 1983
     
  • P. Kochina
    Sofya Vassilevna Kovalevskaya, Moskau 1981
     
  • S. V. Kovalevskaia
    A Russian Childhood: Sofya Kovalevskaya, New York 1987
     
  • K. Rappaport
    S. Kovalevsky: Mathematical Lesson, Amer. Math. Monthly 98 (10) (1981)
     
  • O. Stamfort
    Kovalevskaya, in H. Wussing und W. Arnold, Biographien bedeutender Mathematiker, Berlin 1983
     

  • R. Bölling
    ... Deine Sonia: A reading from a burned letter, The mathematical intelligencer 14 (3) (1992), 24 - 30
     
  • L. S. Grinstein und P.J. Campbell
    Women of Mathematics, Westport Conn. 1987, 103 - 113
     
  • A. H. Koblitz
    Sofia Kovalevskaya and the Mathematical Community, The mathematical intelligencer 6 (1984), 20 - 29